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Energiewende

Dass die Ener­gie­wen­de nicht mehr zu stoppen ist, leugnen nur die, die von deren Schei­tern pro­fi­tie­ren wollen. Wind- und So­la­r­ener­gie wachsen heute schnel­ler als alles andere

Manche Menschen meinen, die Lage sei ernst und hoffnungslos. Klimaberichte, die präziser werden und düsterer. Eine geopolitische Ordnung, in der Öl und Gas nicht nur Energiequellen sind, sondern Machtinstrumente, mit denen Kriege finanziert und Demokratien unter Druck gesetzt werden. Manche meinen sogar, die alte fossile Ordnung erlebe gerade ihren zweiten Frühling: Öl- und Gasdeals mit Autokraten, neue LNG-Terminals, die viel und laut beschworene Renaissance der Atomkraft, der betörende Ruf nach Brückentechnologien und wie als Echo darauf erschütternde Wahlergebnisse, die zeigen, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung lieber die Wirklichkeit wechselt als die Gewohnheiten.

All das führt zu einer fatalen Lähmung. Denn leider haben Dystopien eine verführerische Logik. Sie entbinden uns von der Pflicht zur Entscheidung. Wer überzeugt ist, dass es zu spät ist, muss nichts mehr tun. Und wer glaubt, die Fossilokratie, also jenes Geflecht aus fossilen In­te­res­sen, das nicht nur Märkte, sondern Gesetzgebung, Medien und außenpolitische Bündnisse durchdringt, sei eine Art göttlicher Wille, kann sich seiner Ohnmacht hingeben wie dem schlechten Wetter: unangenehm, aber nicht zu ändern. Welch ein Irrtum!

Denn die fossile Ordnung ist nicht stark. Sie ist laut. Das ist ein Unterschied. US-Präsident Donald Trumps Rückzug aus dem Pariser Abkommen, Präsident Javier Mileis Abwicklung des argentinischen Umweltministeriums, der russische Gaskrieg gegen Europa: Das sind keine Zeichen eines Systems in seiner Blüte. Das sind die Zuckungen eines Systems, das spürt, wie sein Fundament wegbricht. Raubtiere kämpfen am wildesten, wenn sie verlieren. In Wahrheit erleben wir nicht den Triumph der fossilen Wirtschaft, sondern ihren Todeskampf, den Moment also, in dem ein tödlich verwundetes Raubtier noch einmal alles mobilisiert, was ihm bleibt: Zähne, Krallen, Gebrüll, Gewalt.

Hinter der scheinbaren Blüte der Fossilokratie steckt kein geheimer Masterplan dunkler Mächte, sondern eine über anderthalb Jahrhunderte gewachsene Struktur: ein dichtes Geflecht aus In­fra­struk­tur, Subventionen, politischen Routinen, Konzerninteressen und geopolitischen Abhängigkeiten. Ein System, das sich selbst stabilisiert, auch dann noch, wenn es ökonomisch und physikalisch längst am Ende ist. Weil es Kriege, Desinformation und autoritäre Politik hervorbringt, um noch ein paar Jahre länger von der Beute der Vergangenheit zu zehren.

Die fossilen Raubtiere verlieren. Und sie wissen es. Solarstrom ist heute die effizienteste Energiequelle, die die Menschheit je hatte. Günstig. Schlicht und ökologisch. China baut in einem einzigen Jahr mehr erneuerbare Kapazität auf als die Europäische Union in einem Jahrzehnt. In Pa­kis­tan, einem Land, das man nicht zu den Vorreitern der Klimapolitik zählen würde, haben Solaranlagen innerhalb weniger Jahre die Abhängigkeit von teuren Gasimporten überwunden. In Deutschland gibt es Tage, an denen erneuerbare Energien mehr als hundert Prozent des Strombedarfs decken. Die Energiewende ist kein Versprechen. Sie ist eine Tatsache, die nur von denen geleugnet wird, die von ihrem Scheitern profitieren wollen.

Wie gelingt das? Durch eine Kurzschlussstrategie: Man „löst“ ein Problem mit den Mitteln, die es verursacht haben. Als Deutschland nach dem russischen Angriff auf die Ukraine über Nacht seine Gasabhängigkeit überwinden musste, baute es in Rekordtempo neue Flüssiggasterminals. Genau wie nach dem Ölschock der 1970er Jahre wechselte man die Lieferanten, nicht die Abhängigkeit. Das fossile System wurde nicht überwunden. Es wurde verlängert und mit neuen Verträgen abgesichert. So verständlich der Reflex, so widersinnig das Ergebnis.

Denn fossile Abhängigkeit heißt politische Erpressbarkeit – von Russland, von Golfstaaten, von globalen Konzernen. Dabei liegt das Geld für eine andere Energiezukunft längst auf dem Tisch. Es fließt nur in die falsche Richtung. Kreuzfahrtkonzerne zahlen keine Energiesteuer auf Schiffsdiesel. Kerosin ist steuerfrei. Fossile Subventionen übersteigen in Deutschland die Förderung der Erneuerbaren um ein Vielfaches.

Man kann die Energiewende hassen und verzögern oder sie mögen und gestalten – aber wegdebattieren kann man sie nicht. Weltweit wachsen Wind- und Solarkapazitäten schneller als jede andere Form der Energieerzeugung. Wer heute noch behauptet, wir stünden am Anfang eines gefährlichen Experiments, verwechselt Ursache und Wirkung: Das Experiment war das fossile Zeitalter. Die Energiewende ist die Reparatur.